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Die 300+ Challenge in Hamm – ein Training besonderer Art.

Ein Wettkampf des Schützen gegen sich selbst - 36 Bogensportlerinnen und Bogensportler aus 15 Vereinen zog es am 07. April 2013 zum HSC 08 in Hamm in Nordrhein-Westfalen. Sie alle folgten dem Aufruf, bei der 300+ Challenge den Grenzbereich der mentalen und körperlichen Leistungsfähigkeit zu betreten.  Bernhard Strobel, MentalCoach im Spitzen- und Breitensport, reiste für dieses besondere Training aus Maisach bei München an. Er hatte zusammen mit Jutta Emmerich, Bogensportschule „Bogensport Aktiv“, das Konzept für die Challenge ausgearbeitet. Jutta Emmerich, die auch Trainerin im Landeskader des Westfälischen Schützenbundes (WSB) ist, gestaltete die speziellen Bogensportmodule. MentalCoach Bernhard Strobel übernahm die Ausgestaltung der mentalen Module dieser Challenge.  Das Gesamtkonzept rund um die Challenge soll künftig als ein Instrumentarium für Trainer angeboten werden, die neben dem Technik- und Konditionstraining auch das Mentaltraining in ihren Vereinen forcieren möchten.  Doch was steckt hinter diesem Konzept und der Challenge? Günter Kuhr vom Bogensport Magazin war vor Ort, als sich die Sportler einem Wettkampf gegen sich selbst stellten.

Über die Macht der Gedanken

„Wir alle wissen, dass über 80% des Erfolgs eines Sportlers Kopfsache ist. Nur dieser Erkenntnis folgt fast nirgends eine Konsequenz, “ betonte Bernhard Strobel während der 300+ Challenge Hamm. „Nicht selten sehen wir auf Wettkämpfen Sportler, die über ihre Körpersprache signalisieren, dass sie sich in einem mentalen Selbstzerfleischungsprozess befinden. Dennoch definiert sich der Bogenschütze im Allgemeinen über Technik und Material. Es wird über Bögen und deren Größe diskutiert, es werden viele Bücher über die Schießtechnik geschrieben. Doch dieser Teil deckt nur 20% des Erfolges ab. Zuwenig trauen sich an das Mentaltraining heran.“  Sportler, deren Leistungsfähigkeit im Wettkampf oder im Finalschießen durch Stress, Nervosität oder negative Gedanken beeinflusst wird, sollen im Rahmen der Challenge behindernde Denkmuster entlarven und neue (Denk-)Strategien entwickeln.

Der Ablauf der 300+ Challenge

„Die 300+ wird deine bisherigen Trainingserfahrungen massiv verändern. Freue dich darauf!“ Das sind die einleitenden Worte des Challenge-Handbuches, das jeder Teilnehmer zu Beginn des Trainings erhielt. Im Handbuch sind die grundsätzlichen Regeln der Challenge aufgeführt, eine Anweisung für das Führen eines mentalen Schießbuches sowie die Aufgaben, die von den Teilnehmern ab dem Startpfiff selbstständig erfüllt werden sollten. Bernhard Strobel moderierte das Training und gab immer wieder Hinweise und Erläuterungen, ließ die Teilnehmer jedoch selbstständig in ihrem Trainingsprozess. Er war immer präsent, blieb dennoch im Hintergrund.  Jutta Emmerich hatte dadurch Freiraum, sich als Trainerin um die Sportler zu kümmern. Sie beobachtete, machte sich Notizen oder sprach Sportler direkt an. Diese Trennung zwischen Moderator und Trainer wurde innerhalb der Konzeption der Challenge bewusst eingerichtet. Moderator und Trainer arbeiteten als Team zusammen, doch jeder erfüllte seinen Teil innerhalb der Challenge.

Bernhard Strobel war als Moderator immer präsent, blieb dennoch im Hintergrund.
Bernhard Strobel war als Moderator immer präsent, blieb dennoch im Hintergrund.

Die Regeln der Challenge

Die Teilnehmer wurden angehalten, die gestellten Aufgaben des Challenge-Handbuches selbstständig abzuarbeiten und anschließend Notizen im mentalen Schießbuch vorzunehmen.

  • Die Trainingsleitung signalisierte durch einen Pfiff, wenn eine Unterbrechung erfolgen sollte. Die Teilnehmer lenkten dann ihre Aufmerksamkeit auf den Coach. Eine Hupe signalisierte den Beginn und das Ende einer Passe.

  • Das Schweigen während der gesamten Challenge war eine Vorgabe, denn die Teilnehmer sollten sich so voll und ganz mit sich selbst beschäftigen.

  • Jeder Teilnehmer konnte ohne Begründung und zu jedem Zeitpunkt aus der Challenge aussteigen.

  • Im Falle eines Problems konnten die Teilnehmer durch das Heben eines Arms die Challenge unterbrechen.

  • Die Teilnehmer wurden angehalten, ihre ganze Aufmerksamkeit der Selbstbeobachtung und dem mentalen Schießbuch zu schenken.

Das mentale Schießbuch 

In den Aufgabenstellungen des Challenge-Handbuches wurden die Teilnehmer immer wieder aufgefordert, Notizen im mentalen Schießbuch vorzunehmen. Ein besonderes Augenmerk lag hier auf mentalen und körperlichen Wahrnehmungen des Sportlers. Eindrücke, Stimmungen, Gedanken, die kommen und gehen oder sich ständig wiederholen, Emotionen, Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsfähigkeit standen im Fokus der Aufzeichnungen. All das sollten die Sportler in regelmäßigen Abständen notieren, bis der 300-ste Pfeil den Bogen verlassen würde. Für die spätere Auswertung dieses psychischen und physischen Veränderungsprozesses notierten die Teilnehmer jeweils auch die Uhrzeit sowie die Anzahl der bis zur Notiz geschossenen Pfeile. Unter der besonderen Belastung sollten physische und psychische Durststrecken transparent werden.  Durch diese Aufzeichnungen und ihre anschließende Analyse erhielten Sportler und Trainer die Möglichkeit, individuelle Trainingsstrategien zur Leistungsförderung zu entwickeln sowie die Schwächen des Sportlers zu Stärken auszubauen.

Der Startpfiff folgte um 10:00 Uhr

Zunächst wurden die teilnehmenden Lizenztrainer zusammengezogen. Sie erhielten Hintergrundinformationen zu dem Trainingskonzept und der Bedeutung für die Trainerarbeit. Bernhard Strobel signalisierte dann mit dem Startpfiff den Beginn der 300+ Challenge. Fünf Minuten stimmten sich die Teilnehmer auf das Training ein. Dann begann ein Aufwärmtraining, das mit einer ersten Notiz im mentalen Schießbuch abgeschlossen wurde. Eindrücke, das Befinden und das Körpergefühl sollten notiert werden. Anschließend schossen die Teilnehmer drei Passen zu jeweils sechs Pfeilen auf fünf Meter. Das Visier wurde zuvor abgeklebt. Die Teilnehmer sollten die aufkommenden Gedanken wahrnehmen und nach Abschluss der Passen im Schießbuch notieren.

Insgesamt 50 Aufgabenstellungen waren zu erfüllen. Dazu zählten verschiedenste Aufgaben im Zusammenhang mit dem Schießen von 6er Passen auf verschiedenen Entfernungen. Es wurden unterschiedliche oder auch keine Zielpunkte eingesetzt. „Schieße einen Wettkampf über 36 Pfeile“, „Schließe beim Lösen deine Augen und spüre dabei deinen Körper“, „Konzentriere dich auf deine Rückenarbeit – beginne ab der Anhebeposition mit einem Summen, bis die Rückenarbeit beendet ist!“  Und zwischen den Aufgaben erfolgten immer wieder die Notizen im mentalen Schießbuch.

Denk-, Logik- und Rechenaufgaben wurden gelöst.
Denk-, Logik- und Rechenaufgaben wurden gelöst.

Zwischen den Schießblöcken wurden von den Teilnehmern unterschiedliche Denk-, Logik- und Rechenaufgaben gelöst, die sie dem Challenge-Handbuch entnahmen: „Überprüfe den ausgefüllten Musterschießzettel und finde Fehler“, oder aber „Spiele mit Kollegen Memory und zähle nach 15 Minuten die Paare“.

Die Aufgabenstellungen erfolgten zum Teil unter Zeitvorgaben, so dass Stresssituationen simuliert wurden. Dann erfolgten aber auch immer wieder Aufgaben, die der Entspannung dienten, wie beispielsweise: „Löse dein Schweigen und plaudere mit deinen Kollegen“. Zudem wurden einzelne Themenblöcke mit einem gesonderten Sportprogramm absolviert. Zwischendurch sollten die Teilnehmer ausschließlich kognitive Aufgaben erfüllen, wie z. B. das gedankliche Durchlaufen einer Passe.
Nach etwa sechs Stunden durchbrachen die Sportler die Grenze von 300 Pfeilen. Die Schussanzahl von zwei kompletten FITA/WA-Runden inklusive Probepfeile verbuchten sie auf ihrem Konto. Leistungsorientierte Sportler mit einem hohen Trainingsumfang zogen die Challenge bis zum Ende durch. Einige, wenige Teilnehmer nutzten die Möglichkeit, die Challenge vor dem 300sten Schuss abzubrechen, weil die Kondition nicht ausreichte.

Vielfalt der Trainingsinhalte

Was dieses Training in Hamm für die Teilnehmer so außergewöhnlich machte, war neben der Herausforderung, 300 Pfeile zu schießen, die Abwechslung des Trainings. Das Trainingskonzept führt weg vom monotonen Schießen auf Scheibenauflagen. Das Konzept der Challenge enthält drei wesentliche Säulen des Trainings:

  • Körperliches Training (Kondition, Koordination, Kraft und Kraftausdauer)
  • Entwicklung der Schießtechnik
  • Mentales Training (Gedankenkontrolle, Gefühlssteuerung, Konfliktverarbeitung, Visualisierung)

Jede der gestellten Aufgaben im Challenge-Handbuch ist thematisch mindestens einer dieser drei Säulen zugeordnet. Es geht bei der Challenge also nicht nur einfach um Abwechslung im Training, sondern um eine geordnete Trainingsstrategie mit klar definierten Zielen. Jutta Emmerich betonte, dass dieses Trainingskonzept auf die Teilnehmergruppe zugeschnitten sein sollte. Diese erste 300+ Challenge wandte sich an 36 Bogensportler, die zum Teil dem Breitensport und zum Teil dem leistungsorientierten Sport zugeordnet werden müssen. An der Challenge nahmen jugendliche und erwachsene Sportler teil, deren konditionelles Polster aufgrund der Trainingsintensität unterschiedlich war. Würde das Training ausschließlich mit Sportlern des Leistungssports durchgeführt, wären Anpassungen erforderlich. So würden anstelle der 6er Passen beispielsweise Passen mit 10 Pfeilen geschossen und auch die Gesamtanzahl der Pfeile würde erhöht, um die sportliche Herausforderung zielgruppengerecht zu gestalten.

300 Pfeile schossen die Teilnehmer an diesem Trainingstag.
300 Pfeile schossen die Teilnehmer an diesem Trainingstag.

Nachbereitung des Trainings

Die Bogensportler des HSC 08 werteten ihre mentalen Schießbücher gemeinsam mit ihrer Trainerin Jutta Emmerich aus. Die Notizen liefern Hinweise auf die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Teilnehmers. Daraus erstellten die Sportler mit Unterstützung von Jutta Emmerich Diagramme. Konditionelle, mentale oder Bereiche der Schießtechnik können mit den Ergebnissen nun gezielter trainiert werden. Trainer, die dieses Konzept einsetzen, können aus der Challenge einzelne Einheiten für das Training im Verein selektieren, um die Schwachpunkte des Sportlers anzugehen.

Hintergründe und Ausblick zum Trainingskonzept

Jutta Emmerich und Bernhard Strobel sind überzeugt: „Ein Athlet benötigt neben dem körperlichen Training, dem Techniktraining auch Mentaltraining“. In dem gemeinsam erarbeiteten Trainingskonzept führten sie diese Module zusammen.
Im August 2012 trafen sich Jutta Emmerich und Bernhard Strobel erstmals in München zu einem Gespräch. Jutta Emmerich arbeitet beruflich als Bogensporttrainerin und ist ehrenamtlich als Kadertrainerin im WSB aktiv. Bernhard Strobel arbeitet seit Jahren als MentalCoach mit Tennisspielern, Golfern, Sportschützen und einem Fußballer der Bundesliga. In München tauschten sie sich über ein neues Trainingskonzept für den Bogensport aus. Daraus entstand die Challenge, die jedoch lediglich ein Baustein in einem Gesamtkonzept für Trainer und Sportler ist. Jutta Emmerich implementierte die disziplinspezifischen Module des Bogensports, Bernhard Strobel deckte den Mentalbereich des Sports ab. Als Ergebnis steht nun ein Instrumentarium für Trainer zur Verfügung, das der Trainer bedarfs- und zielgruppenorientiert anpassen kann. „Innerhalb der Challenge kann man Erfahrungen sammeln. Darauf soll sich ein Trainingsmodul aufbauen. Das wollen wir vermitteln“, sagte Jutta Emmerich. Bernhard Strobel unterstreicht, dass dieses Trainingskonzept einfach zu verstehen und zu vermitteln ist.

Das Konzept beinhaltet folgende Ziele für Trainer und Sportler:

  • Neue abwechslungsreiche Trainingsabläufe
  • Spaß und Motivation für das Training
  • Integration von Mentaltraining und körperlichem Training als natürliche Bestandteile der Ausbildung und Entwicklung von Schützen
  • Einfache Vorbereitung und Durchführung von Trainingseinheiten
  • Förderung der Eigenverantwortlichkeit von Schützen im Training
  • Vermeidung von sinnlosem Training nach dem Motto: „Das Ziel von Training ist die Vermeidung von sinnlosem Training“
  • Förderung der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung
  • Umgang mit körperlichem Stress und Blockaden
  • Umgang mit Erwartungen und Rückschlägen
  • Kontinuierliche Steigerung des Leistungsniveaus
  • Wecken von Interesse und Neugierde für weiterführende Ausbildung

Trainer sollen künftig die Möglichkeit erhalten, sich gezielt weiterzubilden. Dafür planen Jutta Emmerich und Bernhard Strobel spezielle Seminare, die ein bis zwei Mal im Jahr durchgeführt werden sollen. In den Lehrgängen sollen Trainer Informationen erhalten, um ihre individuelle Challenge auszuarbeiten. In Hamm bekamen sie ein erstes Instrument an die Hand. Aber auch die Sportler sollen nicht zu kurz kommen. Für sie soll es regelmäßig eine Challenge geben. 

Resümee

Die Reaktionen der Teilnehmer waren durchweg positiv. Jeder wusste innerhalb einer Ordnung, was er trainieren sollte.  Für Manfred Wybieralski vom BC Hagen a.T.W. war die Challenge eine gelungene Veranstaltung. „Bernhard Strobel führte als Moderator die Sportler souverän durch das Training. Die Trainingsinhalte waren gut gestaffelt und anspruchsvoll“. Auch Wybieralski ist überzeugt, dass Sportler aus einem guten Mentaltraining viel herausholen können. Als Autor dieses Artikels nahm ich selbst am Training teil, denn ich wollte über meine persönlichen Erfahrungen berichten. Es hat richtig viel Spaß gemacht und die Challenge brachte mir viele Impulse für das Vereinstraining. Mein letzter Eintrag im mentalen Schießbuch nach 304 Pfeilen: „Ausgepowert. Ich möchte mehr davon!“

Interessierte Trainer und Vereine können über die Website der Bogensportschule von Jutta Emmerich Kontakt aufnehmen. Dort wird es Hinweise zu den künftigen Seminarangeboten geben: www.bogensportaktiv.de

Text: GK

 

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