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„Ich mag das Geräusch der einschlagenden Pfeile“ - Die blinden Bogensportler des TV Jahn-Rheine 1885 e.V.

In der städtischen Sporthalle des TV Jahn-Rheine schraubt Claus Meier  seinen Recuvebogen  zusammen. Ein Visier benötigt er nicht, denn vor 14 Jahren erblindete der gelernte Maschinenschlosser. Bei der Bestrahlung eines Tumors wurde sein Sehnerv getroffen. Nun ist der 50-jährige Frührentner. Claus Meier ist aktiv und schießt Luftgewehr, ist amtierender Vizelandesmeister der Blinden, er  trainiert in einem Fitnessstudio und ist dem Bogensport verfallen. „Mein Leben habe ich mir inzwischen auf die Behinderung eingerichtet“, sagt er. Claus Meier strotzt vor Selbstbewusstsein und ist immer für einen Spaß zu haben. Er ist kräftig, wie man es von einem Maschinenschlosser erwartet, und er trägt eine Brille, wie man es von einem Blinden nicht erwartet. Doch die Brille ist ein Schutz vor Verletzungen der Augen, denn er sieht nicht, wenn er in einen Dornenstrauch oder andere spitze Gegenstände läuft. Im Herbst 2009 hörte er erstmals von den blinden Bogensportlern in Rheine. Sein Interesse war sofort geweckt. Jeden Freitag fährt er seitdem mit seiner Lebensgefährtin Elly Gaasbeek nach Rheine in Nordrhein Westfalen zum Bogenschießen. 

Claus Meier - die Brille ist ein Schutz vor Verletzungen der Augen.
Claus Meier - die Brille ist ein Schutz vor Verletzungen der Augen.

Die Trainingsstunden gibt Klaus Brünen (Foto am Anfang des Artikels). Der 65-Jährige Rentner begann 1978 mit dem Bogenschießen und zählt zu den alten Hasen des Sports. Er besitzt die Trainerlizenz C-Leistungssport.  Auf die Frage, wie das Projekt mit den blinden Bogensportlern in Rheine begann, antwortet er: „Eine erblindete Frau sprach mich an, ob sie im Verein den Bogensport erlernen könne.“  Er bat zunächst um eine Bedenkzeit.  „Als ich darüber nachdachte, dass ich mein Stiltraining auch mit geschlossenen Augen durchführe, rief ich die Frau an und lud sie zum Training ein.“ Zunächst vermittelte er die Elemente des Bewegungsablaufes. Beim ersten Schießen stellte er sich hinter die Sportlerin und gab ihr Anweisungen zur Ausrichtung des Bogens, so dass sie auf kurze Entfernung die Scheibe treffen konnte. Doch auf diese Weise konnte er nur mit einer blinden Sportlerin, nicht aber mit weiteren Sportlern trainieren. Also dachte er über ein technisches System nach, mit dem die Schützin auch ohne seine Zielanweisung die Scheibe treffen kann. Die Lösung fand er beim Hochsprung.

„Ich schaute mir das System der höhenverstellbaren Hochsprunglatte an und entwickelte daraus eine technische Schießhilfe für blinde Bogensportler“, sagt Klaus Brünen.  Die Sportler betreten auf der Schießlinie eine Bodenplatte mit Holzleisten, eine Leiste für die vordere und eine für die seitliche Fußposition. So können die Sportler einen reproduzierbaren Stand einnehmen. Am vorderen Teil der Bodenplatte befestigte er eine Konstruktion mit einem Metallbügel. Die Bogensportler halten ihr Handgelenk der Bogenhand unter diesen Metallbügel. Über drei Achsen kann der Bügel nun so eingestellt werden, dass er zur individuellen Armlänge des Sportlers passt und der Schütze die Höhen- und Seiteneinstellung vornehmen kann, die sonst über das Visier erfolgt. Gemeinsam schauen wir uns die Konstruktion an.

Claus Meier hat seinen Bogen inzwischen zusammengebaut und geht in Begleitung seiner Lebensgefährtin zur Schießlinie. Er betritt die Bodenplatte, positioniert die Füße und nimmt einen stabilen Stand ein. 18 Meter ist seine Trainingsdistanz. Er fühlt an der Nocke eine Ausformung und nockt den Pfeil so ein, dass die Führungsfeder  in der richtigen Stellung ist. Das alles läuft flüssig und ohne Zeitverzug ab, ganz so, als könne er sehen, was er tut. Nun hebt er den Bogen an, führt das Handgelenk unter den Metallbügel, zieht den Bogen aus und geht in den Anker. Der Ellenbogen seines Zugarms befindet sich exakt in einer Linie mit dem Bogen und dem Ziel. Schnell wird deutlich, dass Klaus Brünen als Trainer eine hervorragende Technikarbeit geleistet hat. Der erste Pfeil schlägt neben der Scheibenauflage ein. Der Metallbügel wird verstellt und die nächsten beiden Pfeile sitzen in der Neun. „Neun, sechs Uhr“, kommentiert Claus Meiers Frau den dritten Pfeil. Alle Elemente der Schießtechnik müssen beherrscht werden, um konstante Ergebnisse schießen zu können. Und dennoch: „ Wir können bei den Schießleistungen der sehenden Bogensportler nicht mithalten“, sagt Claus Meier.  Vielleicht würden die Schießergebnisse besser, wenn er eine Optronik nutzen könnte. Diese Technik wird bei blinden Luftgewehrschützen eingesetzt. Die Zielhilfe trennt helle Farben von dunklen und wandelt die Farbwerte in akustische Töne um, die der Sportler über einen Kopfhörer wahrnimmt. So erfasst der Sportler über den Ton, ob er den Bogen in das Zentrum der Scheibe hält. „Man müsste einen Adapter bauen, damit die Optronik an den Bogen geschraubt werden kann. Momentan ist mir die Optronik zu teuer“, sagt Claus Meier und bleibt vorerst bei der von Brünen entwickelten Schießhilfe.

Claus Meier fasziniert das Bogenschießen inzwischen mehr als das Schießen mit dem Luftgewehr: „Ich mag das Geräusch der einschlagenden Pfeile, wenn sie die Scheibe treffen.  Ich erkenne am Ton, ob der Pfeil die weichgeschossene Mitte getroffen hat oder außerhalb liegt“.  Der Bogensport hat es ihm angetan. „Hey, hey, zerschieß nicht deine Pfeile “ ruft Claus Meier spaßend seinem Trainingspartner zu, nachdem dieser eine Pfeilgruppe so dicht auf die Scheibenauflage platziert, dass ein Rasseln der aneinanderschlagenden Schäfte in der Sporthalle ertönt. Oliver Meyersieck ist heute der Trainingspartner. Er entdeckte Ende 2011 den Bogensport. Durch einen ärztlichen Behandlungsfehler verlor er im Oktober 2010 das Augenlicht auf dem rechten Auge. Auf dem linken Auge hat er eine Sehkraft von unter 10%, hinzu kommt eine konzentrische Einengung des Gesichtsfeldes auf einen zentralen Rest (Tunnelblick). Für das Zielen mit dem Visier reicht das, auch wenn er das Ziel nur unscharf wahrnimmt.  Für Oliver Meyersieck bringt der Bogensport im Verein eine große Bereicherung in sein Leben.  „Ich komme aus dem Haus raus, bin in einer freundlichen Gemeinschaft und ich mag die Konzentration beim Bogenschießen.  Außerdem finde ich hier beim Sport eine Gruppe von Gleichgesinnten und kann mich über die Situation der Sehbehinderung im Alltag austauschen“, sagt er.

 Oliver Meyersieck:
Oliver Meyersieck: "Der Bogensport im Verein bringt eine große Bereicherung in sein Leben."

Neben den 50 Mitgliedern der Bogensportabteilung trainieren sechs blinde und sehbehinderte Bogensportler beim TV Jahn-Rheine. „Zeitweise waren wir schon mal acht Sportler in dieser Gruppe, die überwiegend aus dem Kreis Steinfurt zum Training kamen. Durch Erkrankungen reduzierte sich die Gruppe dann wieder“, sagt Klaus Brünen. Die Stadt Rheine fördert das außergewöhnliche Bogensportprojekt durch eine günstige Hallenmiete. Von den Stadtwerken gab es beim Aufbau des Projektes eine Anschubfinanzierung. „Sponsoren sind schwer zu finden“, sagt Klaus Brünen.

Das zweistündige Training neigt sich dem Ende zu. Die Bogensportler bauen ihre Bögen auseinander. Klaus Brünen verpackt das Pfeilfangnetz und schiebt die Schaumstoffscheiben in den Geräteraum. Wir verstauen die Fotokamera und verabschieden uns von der Sportgruppe in Rheine.  Auf der Rückfahrt sortieren wir unsere Eindrücke und Gedanken. Schnell wird klar, dass dieser Artikel mit einer besonderen Anerkennung gegenüber Klaus Brünen enden muss. Wer hätte vermutet, dass ein Trainer blinden Menschen den Bogensport vermitteln kann? „Das ist nicht möglich!“, hätten viele von uns gesagt. Klaus Brünen aber sah weniger Hürden auf seinem Weg zur Projektrealisierung, sondern er sah vielmehr das Ziel und überwand mit kreativen Ideen und Ehrgeiz alle Hindernisse. So schuf er gemeinsam mit den Mitgliedern eine ganz besondere Sportgruppe, die ihresgleichen sucht.

Weitere Informationen zur Bogensportabteilung gibt es im Internet unter www.tvjahnrheine.de

/GK

 

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