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Oliver Haidn - Bundestrainer Bogensport
Im Gespräch mit Bundestrainer Oliver Haidn

2014 - „Wir sind jetzt auf dem Radar der anderen Nationen!“ - Mit Beginn der Hallenweltmeisterschaft 2014 startete eine Serie von internationalen Erfolgen, die das DSB-Nationalkaderteam rund um Oliver Haidn und Natalia Butuzova einfahren konnte. In der Geschichte der World Cups standen niemals zuvor so häufig Spitzenathleten des DSB-Nationalkaders in den Finalrunden. Welche Veränderungen gab es in den vergangenen Jahren im Training der Spitzenathleten und welche Erneuerungen benötigt der deutsche Bogensport, um auch langfristig die Siegerpodeste der internationalen Wettkämpfe zu erobern? Wie werden die Bundestrainer das Team für die Quotenplatzturniere 2015 formieren, um möglichst ihre Startplätze bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 zu sichern? Diese und weitere Fragen beantwortet Bundestrainer Oliver Haidn im Interview. Dabei erklärt er auch die im Bogensport angewandte Strategie der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung für Leistungssportler.

Die Erfolgsbilanz der deutschen Bogensportler auf den internationalen Wettkämpfen 2014 ist überaus erfreulich. Gab es in den letzten Monaten Veränderungen im Training, die diesen Siegeszug erklären?

Oliver Haidn: Gute Ergebnisse sahen wir bereits im letzten Jahr, beispielsweise in den Qualifikationsrunden der internationalen Wettkämpfe. Die Damenmannschaft bewegte sich eigentlich immer unter den Top-8 in der Welt; eine Ausnahme war die Weltmeisterschaft 2013.  Doch auch bei dieser WM schossen die Damen mit 4030 Ringen eine sehr gute Vorrunde.

Betrachtet man die Entwicklung der letzten Monate, so gibt es dennoch Veränderungen. Ich denke, dass sich zum einen die Einstellung der Athleten zum Leistungssport verändert hat. Es hat einfach seine Zeit gebraucht, auch die Athleten von dem Training, so wie es heute stattfindet, zu überzeugen. Die Zusammenarbeit zwischen den Athleten und den Trainern sowie den Betreuern hat sich im Laufe der letzten beiden Jahre gefestigt. Zum anderen beginnen verschiedene Programme des Trainings zu wirken und das sehen auch die Sportler. Gegenüber 2013 haben wir mit einem neu entwickelten psychologischen Konzept einen grundlegenden Unterschied. Seit Ende 2013 hat jeder Athlet des Bundeskaders neben dem DSB-Teampsychologen seinen eigenen Sportpsychologen am Heimatort, der ihn nahezu wöchentlich in der wettkampffreien Zeit begleiten kann. Durch dieses neue Konzept der sportpsychologischen Betreuung konnten in den letzten Monaten vor allem auch individuelle Inhalte noch besser in den Trainingsprozess integriert und für die Wettkämpfe genutzt werden. Die Wirkung dieses Konzeptes hat sich bei einigen Sportlern bereits 2014 entfaltet.

Wir sind jetzt auf dem Radar der anderen Nationen und müssen daher noch härter arbeiten. Über die Erfolge 2014 haben wir uns natürlich gefreut. Dennoch müssen wir das Gewesene hinter uns lassen und nach vorne schauen, denn es liegen große Herausforderungen vor uns.

Sind bei der zukünftigen Gestaltung des Spitzensports Veränderungen notwendig?

Oliver Haidn: Es gibt einen Punkt, der für die weitere Entwicklung des deutschen Leistungsbogensports mitentscheidend sein wird.  Nur wenn es uns gemeinsam gelingt - als Verband, mit Hilfe wichtiger externer Institutionen, wie die Sporthilfe, als Trainer und Betreuerteam - das Training für die Bundeskaderathleten noch weiter zu professionalisieren, dann können wir in den nächsten Jahren tatsächlich weiter nach vorne kommen und Erfolge, wie in 2014 wiederholen. Der internationale Bogensport hat sich in den letzten Jahren stark in diese professionelle Ausrichtung entwickelt. In Südkorea, Mexiko, China oder Japan gibt es keine Bogenamateure mehr. Dort geht kein Bogensportler vor einem internationalen Großereignis einer beruflichen Tätigkeit nach. Mindestens sechs Monate vor dem Wettkampf können sich diese Sportler voll und ganz auf das Training und die anstehenden Wettkämpfe konzentrieren. In Antalya sah man das nun auch im Compoundbereich.
Es muss daher unsere Aufgabe sein, für unsere Athleten die Wochen und Monate vor Großereignissen – wie der Quotenplatz-WM - frei von jeder anderen Tätigkeit zu organisieren. Wir müssen es den Top-Athleten ermöglichen, den Bogensport für diesen Zeitraum zu ihrem Lebensinhalt Nummer 1 zu machen, ohne dass sie von beruflichen Zwängen in dieser sensiblen Phase der Wettkampfvorbereitung abgelenkt werden. Nur dann können wir das erforderliche Training umsetzen, das notwendig ist, in der Weltspitze um die Topplatzierungen mitzuschießen.

Haidn: „Die Festigung der Zusammenarbeit ist uns gelungen.“
Haidn: „Die Festigung der Zusammenarbeit ist uns gelungen.“

2015 starten die ersten Quotenplatzturniere, auf denen die Startberechtigungen für die Olympischen Spiele in Rio 2016 vergeben werden. Wie wird sich das DSB-Team formieren?

Oliver Haidn: Im September 2014 haben wir damit begonnen, den Kader für die ab 2015 anstehenden Quotenplatzturniere zu formieren. Im Rahmen einer Sichtung im Bundesleistungszentrum Kienbaum, wurden 20 Bogensportler eingeladen. Hieraus haben wir eine erste Auswahl von 14 Schützinnen und Schützen getroffen. Im März 2015 wird diese Gruppe nochmals ergänzt und dann schrittweise reduziert, um uns letztlich ab Mai 2015 mit den Athleten, die eine entsprechende Leistung zeigen, noch intensiver auf die Quotenplatz-WM vorbereiten zu können. Wir können keine allzu große Gruppe mit auf den Weg nehmen, weil uns dafür das Trainerpotential einfach fehlt. Unser Ziel ist es, mit den Athleten dieses elitären Kreises in der unmittelbaren Vorbereitung auf die WM noch intensiver trainieren zu können. Wir werden aber nur Athleten mit auf diesen Weg nehmen können, die dazu auch bereit sind. Bogenschießen muss für diesen Zeitraum zum eigentlichen Beruf werden. Bei den Sportsoldaten der Bundeswehr und den Angehörigen der Sportfördergruppe der Bundespolizei sind diese Voraussetzungen bereits gegeben.

Wie sieht die grundlegende Strategie des Trainings aus?

Oliver Haidn: Entscheidend ist, dass der Trainingsprozess der Sportler – insbesondere auch der Noch-Amateure – klar strukturiert ist. Die Athleten müssen über den Verlauf einer Saison an ihren Zielwettkampf entsprechend herangeführt werden. Dazu zählt beispielsweise, dass zum Beginn der Saison ein verstärktes Athletiktraining in den Fokus gerückt wird und zwar bevor das Schießtraining intensiviert wird. Auf dem Weg zum Zielwettkampf wird beispielsweise ein intensives Wettkampftraining eingebaut, das nach der höchsten Belastung, zwei Wochen vor dem Zielwettkampf, von einem individuell optimalen Verhältnis von Belastung und Erholung abgelöst wird, so dass die Athleten frisch in den Hauptwettkampf gehen können. Ein über die gesamte Saison verteiltes sportpsychologisches Training spielt eine ebenso entscheidende Rolle. Wir haben in den letzten Jahren das im Spitzensport allgemein übliche Modell der Wettkampfvorbereitung auf den Bogensport übertragen und es zeigte sich, dass dieses Modell auch hier seine zielführende Wirkung zeigt. Diese Systematik ist nicht neu und sie ist natürlich auch anderen Nationen bekannt. Vielleicht wurde in Deutschland nur etwas später damit angefangen, dies flächendeckend und bogensportspezifisch umzusetzen. Dabei mussten wir auch die Athleten von diesem Ansatz überzeugen. Die Situation hat sich aber auch dahingehend verändert, dass wir inzwischen mit Athleten zusammenarbeiten, die hungrig nach Neuem sind und die vor allen Dingen die Bereitschaft mitbringen, Inhalte umzusetzen, aber auch althergebrachte Trainingsinhalte zu verändern.

Die Herausforderung des Trainings muss höher sein, als der eigentliche Wettkampf!
Die Herausforderung des Trainings muss höher sein, als der eigentliche Wettkampf!

Wie gelingt es, im Training immer wieder neue Herausforderungen abzustecken?

Oliver Haidn: Wir müssen im Training wiederholt hohe Standards setzen und dabei Inhalte und Abläufe wiederholen, ohne zu wiederholen. Das heißt: Das Training muss mit immer neuen Bedingungen und Herausforderungen gestaltet werden, so dass die Sportler mit Veränderungen konfrontiert werden, die es zu bewältigen gilt. Hierzu zählen unter anderem veränderte Wettkampfmodi und kontrastreiches spezielles Kraft- und Koordinationstraining. Dieses Prinzip setzten wir beispielsweise gerade auch in der Vorbereitung auf die EM beim kombinierten Trainingscamp in Kienbaum ein, bei dem unsere Sportler gegen die Spitzenathleten aus Großbritannien, den Niederlanden und der Türkei antraten und  Zusatzaufgaben – z.B. Schießen unter Zeitdruck oder auf einem Balancepad - erfüllen mussten.

Gleichzeitig  arbeiten wir seit Längerem daran, das Training für jeden Athleten weiter zu individualisieren. Zwar geben wir einen Rahmentrainingsplan vor, dennoch setzen wir viel Zeit daran, die individuellen Schwächen der Athleten durch Analysen und Tests zu erkennen, um diese Schwächen zu stärken und die bekannten Stärken weiter zu kräftigen. Der Rahmenplan wird dadurch individualisiert. Dies setzt natürlich die Bereitschaft der Athleten voraus, sich immer wieder selbst auf den Prüfstand zu stellen und mit den neuen Inhalten immer wieder zu arbeiten. Aber das erwarten wir auch.

Wir verfügen heute über Athleten im Bundeskader mit einem guten Potential. Unsere Aufgabe als Trainer und Betreuer besteht letztendlich darin, sie auch entsprechend zu fordern, so dass sich dieses Potential auch weiter entwickeln kann. Trainingsinhalte müssen immer wieder so gestaltet sein, dass letztendlich die Herausforderung im Training größer ist, als der eigentliche Wettkampf.

Welche Bedeutung hat die Abstimmung des Equipments?

Oliver Haidn: Natürlich benötigt der Sportler ein individuell  optimal abgestimmtes Material. Dennoch wird dieses Thema vielfach überbewertet.

Der Bundeskader rekrutiert seine Sportler aus den Landesverbänden und ist langfristig auch dort auf eine gute Talentförderung angewiesen. Wird es hier Veränderungen geben?

Oliver Haidn: 2014 haben wir hier gemeinsam mit den Landestrainern einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Die Vorstellungen des Bundestrainerstabes hinsichtlich der Leistungssportentwicklung in den Landesverbänden wurden zum einen ausführlich im Kadertrainerkonzept 2014 beschrieben. Zum anderen haben wir mit der Erstellung eines Rahmentrainingsplans für das Aufbau- und Anschlusstraining Inhalte und Methoden formuliert, wie ein leistungssportorientiertes Training auf Landeskaderebene gestaltet und umgesetzt werden könnte. Im Vorfeld hatten wir gemeinsam mit einigen Landeskadertrainern das Konzept sportfachlich abgestimmt, um es auf eine breite Basis zu stellen. Diese Netzwerkstruktur mit den Trainern versuchen wir im Rahmen von gemeinsamen Fortbildungen, wie zuletzt bei der Bundes- und Landestrainersitzung weiter auszubauen. Es wird dann die Aufgabe der Landestrainer sein, die Inhalte dieses Konzeptes und seine Strukturen über Bezirkskaderebenen bis in die Vereine hineinzutragen.

Herzlichen Dank für das Interview. Wir wünschen dem gesamten Nationalkader auch in Zukunft so großartige Erfolge.

/GK

 

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