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Natalia Butuzova: „Ein Mensch muss mit dem ganzen Herzen lieben, was er tut.“

Interview mit der Co-Bundestrainerin im DSB Natalia Butuzova: Auf dem Höhepunkt ihrer eigenen Sportkarriere zählte Natalia Butuzova zur internationalen Top-Elite des Bogensports. Sie gewann als Sportlerin der ehemaligen Sowjetunion im Jahre 1980 in Moskau olympisches Silber. Sie brach Weltrekorde, wurde dreimal Europameisterin (1980, 1982, 1983), 1981 Weltmeisterin und gewann zahlreiche internationale Wettbewerbe. Heute lebt sie in Hannover und arbeitet seit Ende 2011 als Co-Bundestrainerin im DSB. Im Interview spricht Natalia Butuzova über ihre Kariere als Spitzensportlerin, ihre heutige Tätigkeit als Co-Bundestrainerin und über die Motivation und die Förderung des Nachwuchses.

Natalia, wie begann deine Karriere als Bogensportlerin?

Natalia Butuzova: In den 70er Jahren lebte ich in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans. Während meines Studiums für Möbeltechnologie lernte ich das Bogenschießen kennen und schoss 1973 meine ersten Pfeile. Das Bogenschießen war damals ein neuer Sport in unserer Region und wir hatten keine Trainer, die uns das Schießen beibringen konnten. Es gab in unserer Region keine Bogensportler, von denen wir etwas lernen konnten und so studierten wir Fotos von den russischen Star-Bogensportlern und sahen uns deren Haltung an. Diese Techniken versuchten wir dann selbst zu übernehmen und umzusetzen.

Die Ukraine war das Land in der ehemaligen Sowjetunion, in dem Bögen hergestellt und der Sport richtig trainiert wurde. Wir sind also dorthin gefahren und haben vier bis fünf Bögen eingekauft. Mein erster Bogen war grün und ich liebte diesen Bogen, er wurde ein Teil von mir, den ich spüren lernte. Das Gefühl beim Bogenschießen für den eigenen Schuss war das Wichtigste, das ich dort in der Ukraine in einem Trainingslager mit erfahrenen Bogensportlern lernte - und schießen, schießen, schießen ... so habe ich erst dort den Sport richtig erlernt.

Natalia Butuzova arbeitet heute als Co-Bundestrainerin im DSB.
Natalia Butuzova arbeitet heute als Co-Bundestrainerin im DSB.

Und dann begann deine Karriere als Spitzensportlerin!

Natalia Butuzova: Ja, 1975 schoss ich mein erstes internationales Turnier in Ulan-Bator in der Mongolei und sicherte mir den Sieg. Natürlich trat ich dort mit meinem grünen, einteiligen Bogen an und ich erinnere mich, dass Franz Baum, der damalige deutsche Nationaltrainer, diesen Bogen so außergewöhnlich fand, dass er davon Fotos machte.  So einen Bogen hatte er offenbar nie zuvor gesehen.

Zwei Jahre später wurde ich Mitglied der sowjetischen Nationalmannschaft und zog nach Moskau. Das war für mich ein großer Schritt im Bogensport. Doch wohnte ich kaum in Moskau, denn in dieser Zeit war ich mit dem Team so häufig unterwegs, dass ich überwiegend irgendwo in der Welt in Hotels verbrachte.

Ich liebte diesen Sport und alles was damit zusammen hing. Dafür gab ich mein Studium der Möbeltechnologie auf, um ein  neues Studium zu beginnen, was meinen Ambitionen mehr entsprach und so wurde ich Diplom-Sportpädagogin.

Darrell Pace (USA) schoss 1979 einen überragenden Weltrekord mit 1341 Ringen, geschossen mit Aluminium-Pfeilen und dem Equipment der 70er Jahre. Über 30 Jahre später steht der Rekord der Herren bei  1387 Ringen, geschossen von Woojin Kim (Korea) im Jahre 2010 mit dem Hightech-Equipment eines neuen Jahrtausends. Ist diese Entwicklung das Ergebnis unseres modernen Equipments oder wurde in dieser Zeit vorrangig die Schießtechnik verbessert?

Natalia Butuzova: Das Material hat sich enorm verändert in den Jahren. Die Schießtechnik hat sich im Laufe dieser Zeit nicht so sehr verändert. Es gibt natürlich Veränderungen in der Technik. Wir haben uns damals nicht so sehr mit der Schießtechnik auseinandergesetzt. Wir schossen mehr mit einem Gefühl für die reproduzierbaren Bewegungsabläufe und weniger mit einem medizinischen oder physiologischen Hintergrundwissen. Damals habe ich nie darüber nachgedacht, welche Muskulatur ich einsetze, ich tat damals instinktiv das Richtige. Trotz des vermeintlich einfachen Materials und der - aus unserer heutigen Sicht - einfachen Trainingsmethoden,  setzte ich im Jahre 1989 mit Aluminium-Pfeilen den Weltrekord in der FITA-Runde auf 1324 Ringe hoch. Doch lässt es sich nicht sagen, wie hoch das Ergebnis mit dem Equipment und den verfeinerten Trainingsmethoden der heutigen Zeit ausgefallen wäre.

Wann bist du dann nach Deutschland gekommen?

Natalia Butuzova: Ab 1990 legte ich eine fünfjährige Pause als Bogensportlerin ein. 1995 zog ich nach Hannover und nahm dort das Training in der Bogensportabteilung des Niedersächsischen Jagdklubs e.V. (NJK) auf, wo ich heute immer noch als Trainerin arbeite.  

Natalia Butuzova:"Ab 1990 legte ich eine fünfjährige Pause als Bogensportlerin ein."

Wie entwickelte sich nun Deine Karriere als Trainerin in Deutschland?

Natalia Butuzova: Mit meiner Ausbildung als Diplom-Sportpädagogin wurde ich 2011 Kadertrainerin im Niedersächsischen Sportschützenverband. Ende 2011 übernahm ich dann die Aufgabe der Co-Bundestrainerin im Deutschen Schützenbund.

Beschränkt sich diese Aufgabe auf das Training mit den Kaderschützen des DSB oder begleitest du auch die Basisarbeit?

Natalia Butuzova: Das Training mit der Nationalmannschaft sowie die Organisation sind umfangreich. Es gab eine dreiwöchige Trainingspause zwischen der Sommer- und Wintersaison und mit der neuen Saison beginnt bereits der strukturierte Trainingsaufbau für die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro im Jahre 2016. Oliver Haidn erarbeitet die Trainingspläne für die Athleten. Mit der neuen Saison  folgen umfangreiche Trainingslager und Trainingsseminare, in denen die Sportler intensiv betreut und trainiert werden. Ich selbst arbeite zurzeit etwa zwei Tage in der Woche mit den Sportlern.

Aber das ist nur ein Teil meiner Arbeit. Die Trainerfortbildung nehme ich parallel wahr. Denn neben der Arbeit mit den Spitzensportlern ist diese Basisarbeit von herausragender Bedeutung und nimmt etwa die Hälfte meiner Zeit in Anspruch. Oliver Haidn hat mit seinen Trainingskonzepten die Basisarbeit für die Vereinstrainer in wichtigen Punkten neu strukturiert. Heute sind wir so weit, dass die Vereinstrainer neue und innovative Trainingskonzepte an die Hand bekommen. Es gilt nun, diese Konzepte den Vereinstrainern im Rahmen der Aus- und Fortbildung zu vermitteln. Da ist unser Engagement gefragt, damit wir langfristig den Nachwuchs aufbauen und an die Spitze bringen können. Die Früchte dieser Basisarbeit können aber nicht kurzfristig geerntet werden. Das ist ein Prozess, der Zeit für eine Entwicklung benötigt.

Ich begleite auch die Sportler aus dem Landeskader. Wir stehen im Kontakt und wenn sich Fragen oder Probleme ergeben, hole ich sie schon mal nach Hannover für einen Nachmittag zum  Individualtraining.  

Spitzenschützen wie Brady Ellison begannen sehr früh mit einem speziellen Mentaltraining. Welche Bedeutung hat das Mentaltraining im Bogensport?

Natalia Butuzova: Das Mentaltraining hat eine sehr große Bedeutung in unserem Sport. In der Nationalmannschaft wird das Mentaltraining  individuell mit jedem einzelnen Sportler oder auch im Team durchgeführt. Diese Betreuung läuft über das gesamte Sportjahr während des Kadertrainings, aber auch in den Pausen der internationalen Wettkämpfe. Von meiner eigenen Laufbahn als Sportlerin weiß ich, dass internationale Wettkämpfe eine psychische Hochspannung erzeugen. Wer unter diesem Druck noch Höchstleistungen bringen möchte, ist auf das Mentaltraining und die mentale Betreuung angewiesen.

Ich arbeite auch im niedersächsischen Landeskader mit Unterstützung eines Psychologen und wir führen dort ein individuelles Mentaltraining durch. Für Vereinsschützen sind Psychologen meist schwer zu  finanzieren. Seminare für Mentaltraining können – wenn sie fachlich fundiert sind – eine Hilfe für alle Vereinsschützen sein.

Mit Kristina Berger und Paul Titscher haben wir zwei Compoundschützen, die unter den Top 10 der Weltrangliste platziert sind. Wie siehst du die aktuelle Entwicklung bei den deutschen Athleten im olympischen Bogensport?

Natalia Butuzova: Kristina und Paul sind Ausnahmeschützen mit dem Compoundbogen und ich denke, dass sich auch die Erfolge dieser beiden Athleten auf die gesamte Mannschaft auswirken. Wir sind auf dem richtigen Weg. Unsere Damenmannschaft sicherte sich in diesem Jahr den dritten Platz bei der Europameisterschaft in Amsterdam. Elena Richter  belegte im Rahmen des Wettkampfes um die Quotenplätze den dritten Rang, was ihr den Weg nach Olympia 2012 in London sicherte. Auch Camilo Meyer sicherte sich, wenn auch mit ein bisschen Glück, den Startplatz bei Olympia. Allerdings ist bei den Männern  die internationale Konkurrenz stärker als bei den Frauen. Wenn wir uns aber die Schießtechnik der deutschen Kaderschützen ansehen, sind wir auf Höhe der Weltspitze. Die vier Jahre bis Rio 2016 werden wir nutzen, um die Stärken all unserer Kaderschützen zu optimieren. Alle trainieren mit dem Willen und dem Herzen, um ganz nach oben zu kommen. Diese mentale Stärke werden wir künftig weiter festigen. Insgesamt bin ich davon überzeugt, dass die positive Entwicklung anhalten und schließlich auch zum Erfolg führen wird.

Wie siehst du die Situation der Nachwuchsförderung in den Vereinen?

Natalia Butuzova: In Deutschland ist die Situation ein wenig problematisch, weil viele Nachwuchsschützen zu wenig Zeit für den Bogensport investieren. Schule, Studium, Ausbildung sind zeitintensiv und da bleibt oft wenig Zeit für den Bogensport. Vor allen Dingen muss aber auch der Sportler seine Schwerpunkte richtig setzen, wenn er weiterkommen will. Wer sich das Ziel gesetzt hat, vorne mitzumischen, muss trainieren. Da darf es keine Ausreden geben. In der ganzen Welt studieren die Spitzenathleten und finden ihre Zeit für das Training. Es ist wichtig, sich ein Ziel zu setzen und die Zeit zu nutzen, die man zur Verfügung hat, um dieses Ziel zu erreichen!

Nachwuchssportler, wie Carlo Schmitz oder beispielsweise Fabian Lieke, trainieren ständig, weil sie weiterkommen wollen. Sie lieben das Bogenschießen und als Trainer muss man sie eher mal stoppen, damit sie auch mal eine Pause vom Schießen machen. Man muss sie nicht anzutreiben. Und es sind diese Schützen, für die das Bogenschießen die wichtigste Sache der Welt ist, die dann auch erfolgreich sind. Ich war genauso wie diese beiden. Ich habe das Bogenschießen vom ganzen Herzen geliebt und gelebt. Ich habe immer mehr trainiert, als es die Trainer forderten. Ich wollte das. Ich ging häufiger zum Schwimmen, zum Laufen und zum Schießen, als alle anderen. Auch heute ist es noch so. Wenn ich einen Bogen sehe, jucken meine Finger und ich möchte mich am liebsten nur auf die Schießlinie stellen, schießen und genießen.

Für den Niedersachsenkader erstelle ich Trainingspläne, die ich den Schützen aushändige. In diesen Plänen steht für jeden Morgen, vor der Schule, Ausbildung oder Arbeit, ein Training mit dem Theraband. Fabian überlegt nicht, ob er dieses Training verschieben soll, um noch im Bett bleiben zu können, er macht das Training und das führt ihn zum Erfolg.

Natalia Butuzova mit Bundestrainer Oliver Haidn im Bundesleistungszentrum Kienbaum.
Natalia Butuzova mit Bundestrainer Oliver Haidn im Bundesleistungszentrum Kienbaum.

Welche Ziele hast du dir als Co-Bundestrainerin gesetzt?

Natalia Butuzova: Meine Ziele sind die eines jeden Trainers. Ich möchte unseren  Kaderschützen die Unterstützung geben, die man als Leistungssportler benötigt, sie gezielt auf alles vorbereiten,  was die internationale Bogenwelt von ihnen fordert. Ihnen möchte ich den Weg zeigen, wie sie ihre  Leistungen optimieren können. Als Trainerin möchte ich meinen Beitrag leisten, unsere Spitzensportler mit  all meinen Erfahrungen  und mit meinem  Wissen zu unterstützen, ihnen eine Hilfe sein, damit sie ihre sportlichen Ziele erreichen.

Heute liegen Jahrzehnte zwischen deinen ersten Trainingsstunden mit dem grünen Bogen und deiner Tätigkeit als Trainerin. Welche Zeit erlebtest du aus heutiger Sicht am intensivsten?

Natalia Butuzova: Jede Zeit hat ihre Höhepunkte. Aus meiner Sicht war die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Moskau eher eine Niederlage, da ich im Jahr der Spiele so viele Rekorde eingestellt und Wettkämpfe gewonnen hatte, dass ich davon ausging, olympisches Gold zu gewinnen. Aber vielleicht waren es damals gerade diese Gedanken, die mich die Medaille gekostet haben. Im Jahr danach, 1981,  wurde ich Weltmeisterin in Punta Ala, Italien. Das war das emotionalste Erlebnis,  das ich in meiner Sportlaufbahn hatte. Als ich auf dem Podest ganz oben stand, hatte ich es noch gar nicht realisiert. Der Kampf um diesen Titel hatte all meine körperliche und mentale Energie und Kraft gekostet. Ich war stolz und glücklich, die weltbeste Bogenschützin zu sein, allerdings sind diese Gedanken erst beim Bankett gekommen. Nach dem Bankett, welches direkt am Strand aufgebaut war,  warf die amerikanische Mannschaft Rick McKinney, der damals mit der Mannschaft Weltmeister wurde, ins Mittelmeer. Klitschnass, aber über das ganze Gesicht strahlend, kam er auf mich zu, nahm mich auf den Arm und rannte mit mir zurück ins Mittelmeer. Und die einzigen Gedanken, die ich hatte, galten meiner Frisur, meinem Kleid und meinem Make-up, was nach dem unfreiwilligen Bad zerstört war.  Aber das sind die Momente, für die man lebt.

Als Trainerin sind es diese Momente, wie die Bronzemedaille der Damenmannschaft mit Elena Richter, Lisa Unruh und Karina Winter bei den Europameisterschaften oder Elenas dritter Rang beim Quotenplatzturnier in Amsterdam, die einem das absolute Hochgefühl vermitteln. Aber was bei beiden gleich ist - egal ob man selber schießt oder als Trainerin dahintersteht - man schießt immer noch jeden einzelnen Pfeil mit und es kostet mich die gleiche körperliche sowie mentale Energie und Kraft, wie damals, wenn ich heute mit meinen Schützen bei den Wettkämpfen mitkämpfe.

Was würdest Du einem jungen Bogensportler empfehlen,  der sich im  Bogensport an die Spitze kämpfen will?

Natalia Butuzova: Ein Mensch muss mit dem ganzen Herzen lieben, was er tut. Er muss bereit sein, sich selbst zu quälen, weil für den Sportler nicht alle Anforderungen leicht zu erfüllen sind. Er muss auch mal an die Grenzen seiner Möglichkeiten gehen, um diese dann auch zu überschreiten. Für sein Ziel muss er alles geben und keine Ausreden finden, um etwas nicht zu tun zu müssen. Gehe deinen Weg, verfolge deine Ziele und gib niemals auf! Dann kommt auch der Erfolg!

Herzlichen Dank für das Interview und weiter viel Erfolg bei deiner Arbeit!

/GK

 

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